Ein Dokument aus schwerer Zeit Kupferberg

Reg. Il (Gemeinde) 2257/45: Gemeinde Hammerunterwiesenthal mit Niederschlag, den 9. Juni 1945

Unweit der sächs. -tschechoslowakischen Grenze (Hammerunterwiesenthal - Böhm. - Hammer - Schmiedeberg - Kupferberg) in Richtung Bahnlinie Weipert - Komotau, also in zwei Stunden Wegentfernung von hier, befindet sich auf tschechoslowakischem Boden die am Erzgebirgskamm gelegene, kleine Stadt Kupferberg mit rund 1300 Einwohnern (deutsch). Die wirtschaftliche Schichtung und Zusammensetzung der Bevölkerung besteht zu 80% aus kleinen Häuslern, Heimarbeitem und Industriearbeitern aus Betrieben der Umgebung. Die Bevölkerung gehört durchweg den ärmeren und ärmsten Kreisen an, ist dabei bescheiden, anspruchslos, arbeitsam und fleißig - an harte, schwere Arbeit auf kärglicher Erzgebirgsscholle und an Entbehrungen gewöhnt. Diese eindeutig injeder Hinsicht unter Beweis stehende Tatsache ist auch allerorts hier oben in unserem Erzgebirge und weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Seit gestern Abend nun fluten so ca. vier Fünftel der gesamten Bevölkerung, alles was Beine hat, - Männer, Frauen und Kinder - mit ihren notdürftigen Habseligkeiten an Handgepäck hier in Hammerunterwiesenthal über die Grenze und suchen in ihrer Verzweiflung bei mir als Bürgermeister dieser Grenz- und Übertrittsgemeinde Rat, Schutz und Hilfe in ihrer Not. Was ist nun geschehen und was liegt hier zu Grunde? Der nachfolgend geschilderte Tatbestand gibt hierüber erschöpfend Auskunft und zwar:

Durch Anordnung der tschechoslowakischen Militärbehörde in Schmiedeberg wurde am 8.6. 1945 gegen 2 Uhr nachmittags in Kupferberg durch öffentliches Austrommeln verfügt, daß die gesamte Bevölkerung mit Ausnahme der Familien, die namentlich verlesen wurden, den Ort innerhalb einer Frist von einer Stunde zu verlassen habe, also ausgewiesen werde. Erlaubt zum Mitnehmen wurde nur, was die Ausgewiesenen auf dem Leibe trugen, außerdem ein weiterer Anzug, eine Garnitur Leibwäsche,

überzogene Betten. mit einem Bettzeug als Wechsel und für zwei Tage Lebensmittel, während Schmuck, insbesondere Gold grundsätzlich, und Geld von einer gewissen Höhe ab, verbleiben mußte. Weiter wurde bekannt gegeben, daß das gesamte zurückgebliebene Eigentum an totem und lebenden Inventar einschließlich Grundbesitz zu Gunsten des tschechoslowakischen Staates beschlagnahmt sei. Angesichts dieser Tragik sind die Fälle am laufenden Band zu verzeichnen, wo die Ausgewiesenen ihrem Leben gleich an Ort und Stelle oder unterwegs ein Ende gemacht haben bzw. noch machen durch Freitod; immer mehr Opfer bleiben auf der Strecke. Eine Tragödie - dem Grunde und Aus-, maße nach, - offenbart sich hier, die bis ins Tiefste erschüttem; Ursache zu dieser außerordentlich harten Maßnahme ist einzig

und allein die Tatsache, daß während der letzten Tage der Nazi Herrschaft im Ortsbereich Kupferberg und zwar bei der sogenannten "Muthütte", bisher im Altreich untergebracht gewesen,, Häftlinge aus Konzentrationslagern nach dort überführt und dabei eine ganze Anzahl elendlich zu Grunde gerichtet worden ist, was aber einzig und allein der Verbrecherdoktrin Himmlers und seiner Schergen, aber auch nur diesen - zuzuschreiben ist und keinem anderen. Erst recht nicht einer unschuldigen Bevölkerung, die nur das Unglück hat, in unmittelbarer Nähe des Tatortes zu wohnen. Diese nach hier - also in den Raum von Kupferberg überführten Häftlinge -.ungefähr 1400 - wurden unter besonders ausgesuchter militärischer Bewachung gehalten und mußten einfach im Freien vegetieren; für irgendeine Unterkunft war in keiner Weise vorgesorgt. Nach einigen Tagen wurden diese Häftlinge unter den üblichen, sattsam bekannten Methoden menschlicher Ausgeburt wieder auf die Beine gebracht und im Fußmarsch mußte diese Elendskolonne in Begleitung ihrer militärischen Wächter den Weg fortsetzen. Wohin diese endlose Straße geführt hat, war nicht zu ermitteln. Dabei haben ungefähr 60 Häftlinge unterwegs ihr Leben ausgehaucht, teils durch verbrecherische Handlungen der Wächter und Peiniger, indem sie durch Genickschuß oder Erschlagen kurzerhand liquidiert wurden, wieder andere von diesen 60 Häftlingen sind durch Verhungern geendet. Die Leichen und Opfer eine einmaligen Verbrecherdoktrin der Schuldigen und Verantwortlichen sind einfach liegen geblieben und sind dann notdürftig zwischen den Orten Kupferberg und Schmiedeberg im Wald verscharrt worden. Dabei muß ausdrücklich herausgestellt werden, daß es die Kupferberger Bevölkerung gewesen ist, die trotz eigener wirtschaftlicher Not und Armut und trotz schärfsten Verbots der bewachenden Peiniger, den Häftlingen dennoch im Rahmen der gegebenen Möglichkeit geholfen hat, wo und wie sie konnte und zwar durch Brot und Kartoffeln, um wenigstens etwas Not zu lindern als Tropfen auf dem heißen Stein." Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, diese edle Tat einer ärmlichen Bevölkerung in das rechte Licht zu rücken und herauszustellen, dieses Unterpfand der Menschlichkeit kann nicht verschwiegen werden und rechtfertigt durchaus vollste Anerkennung. Dazu kam noch, daß der verantwortliche Offizier, dem das Bewachungskommando unterstand, kurz vor dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes, aber immerhin noch rechtzeitig, unter Mitnahme aller vorhandenen Lebensmittelvorräte, die für Häftlinge und Wachmannschaft bestimmt waren, getürmt, also ausgerissen ist. Das Hungerelend der Häftlinge erfuhr dadurch eine weitere Verschlechterung. Jedenfalls hat die tschechoslowakische Militärbehörde in Schmiedeberg diesen ganzen Tatbestand aufgegriffen, - die Leichen der Häftlinge wurden wieder ausgegraben und nach Schmiedeberg überführt. Für diese an den Häftlingen begangenen Verbrechen einer Ausgeburt menschlicher Verworfenheit des abgewirtschafteten Nazi-Regimes läßt nunmehr die tschechoslowakische Militärbehörde in Schmiedeberg fast durchweg die gesamte Bevölkerung Kupferbergs büßen, mit Ausnahme einiger weniger Einwohner, die verbleiben durften. Es ist aber eine ganz eindeutige Wahrheit - und Erkenntnisquelle, daß die Bevölkerung Kupferbergs mit diesen Vorfällen auch nicht das Geringste zu tun hat und daher auch keinesfalls damit in Verbindung gebracht und belastet werden kann. Die ganze Aktion in Sachen Konzentrationshäftlinge unterstand ausschließlich der hierfür verantwortlichen deutschen Militärdienst-stelle. Die Bevölkerung Kupferbergs aber hatte hierauf auch nicht den geringsten Einfluß; dennoch will man sie jetzt dafür büßen lassen. Gerade in dieser bewegten Zeit mit ihrem Umbruch und den Erneuerungen auf allen Gebieten bis in die letzte Grundlage hinein, ist und bleiben aber Recht und Gerechtigkeit die letzten Anker und die einzige Hoffnung. Leonhard, k. Bürgermeister