Aus einer alten Chronik


Reischdorf

Die Gemeinde Reischdorf liegt gerade in der Mitte des Erzgebirgskammes. Der Ort ist 952 ha groß und hat 337 Häuser mit 2080 Einwohnern (950 männlich, 1130 weiblich). Jm Jahre 1900 hatte der Ort 3600 Einwohner.
Das Gemeindegebiet ist teils Hochebene, teils ein gegen die Wetterseite offenes Talgehänge, in dem die Siedlung liegt. Diese Lage bringt es mit sich, daß man von den zu unterst bis zu den zu oberst gelegenen Häusern eine Steigung von 130 m zu überwinden hat. Die am tiefsten gelegenen Häuser liegen etwa 730 m hoch. Der Bahnhof hat eine Seehöhe von 824 m.Der Ort besteht aus den Ortsteilen Ober- und Niederreischdorf. In Oberreischdorf gabelt sich beim „Scharfen Eck" die von Weipert kommende Straße. Der eine Straßenzweig führt durch die „Gabel" auf den Sandberg nach Kaaden, der andere führt durch den „Pfannenstiel" auf den Reischberg, wo er sich neuerlich teilt. Die eine Straße führt über Sonnenberg nach Komotau, die andere über Wohlau nach Brunnersdorf.Reischdorf  hat ein Rathaus, zwei Volksschulen, einen Kindergarten, ein Zweigpostamt und eine Raiffeisen-kassa. Seit 1911 besteht eine Wasserleitung, seit 1921 hat der Ort elektrische Beleuchtung.
Reischdorf ist der Sitz eines katholischen Pfarramtes und hat zwei katholische Kirchen. Die Gemeindebücherei zählt über 1000 Bände.Die Verkehrslage des Ortes ist günstig. Der Ort liegt an der Eisenbahnstrecke Komotau-Weipert. Der in Reischdorf liegende Bahnhof führt die Bezeichnung  Preßnitz-Reischdorf. Außerdem gehen durch Reischdorf die Autobuslinien Weipert-Kaaden und Weipert-Komotau. Vom Bahnhof verkehrt ein Postautobus nach Preßnitz.Auf dem Reischberge  an der Straße nach Wohlau steht eine Gruppe von 8 Häusern, bie sogenannten „Berghäusel", die ebenfalls zum Orte gehören. Dieser Ortsteil auf dem unbewaldeten Kamme zählt zu den rauhesten Gebieten des Landkreises Preßnitz. Sturmzerzauste und weit nach Osten geneigte Vogelbeerbäume, 2-3 m hohe Schneewehen, vom Rauhreif umgeknickte Telegraphenstangen, ja selbst eingeschneite und vereiste Eisenbahnzüge und verwehte Straßen kennzeichnen  zurecht diesen Wetterwinkel.Mehr als ein Zehntel des Gemeindegebietes nimmt der Wald ein. Auf moorigem Waldboden im Bereiche des Haß-berges trifft man vereinzelt das fußhohe Buschwerk der Zwergbirke, deren, Blätter kaum die Größe eines Pfennigstückes erreichen und das wunderbarste Pflänzchen unter den Moorheidebewohnern, nämlich den Sonnentau, der im Sonnenschein  glitzert wie köstliches Geschmeide.

Die Bewohner von Reischdorf  beschäftigen sich im wesentlichen mit Hausierhandel, Industrie und Landwirtschaft.Die Landwirtschaft liefert nur geringe Erträgnisse. Von einiger Bedeutung ist der Flachsanbau, der sich in letzter Zeit ziemlich gehoben hat. Die Anbaufläche betrug im Jahre 1940  45 ha. (Im Jahre 1920 nur 2-3 ha). Auf dem Gebiete des. Flachsanbaues marschiert Reischdorf an der Spitze aller Gemeinden des Preßnitzer Landkreises.
Die Reischdorfer Industrie erzeugt Spitzen, Vorhänge,  Wäsche, Schnittwaren, Strümpfe, Trikotagen und Modewaren. Diese Erzeugnisse werden vielfach von Hausierhändlern im ganzen Sudetenland und darüber hinaus verkauft. Die Zahl der Reischdorfer Hausierer hat abgenommen. Vor 1938 gab es in Reischdorf  rund 350 Hausierer, jetzt (1940) nur noch etwa 175. Viele jüngere Händler  wurden ihrem erlernten Berufe wieder zugeführt.
Reischdorf  ist eine alte deutsche Siedlung; die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1449. Wann der Ort gegründet wurde, ist nicht bekannt. Reste alter Haldenzüge lassen auf früheren Bergbau schließen. Als der Bergbau in unserer Gegend blühte, betätigten Sich die Reischdorfer vielfach als Händler und Fuhrleute, um die Gebirgler mit Lebensmitteln zu  versorgen, die aus dem innern Böhmens herangeschafft wurden.
Als nach dem Niedergange des Bergbaues die Spitzenklöppelei in Schwung kam, gingen viele Reischdorfer Händler mit Klöppelspitzen und Putzsachen in die weite Welt hinaus. Sie trugen ihre Waren in besonderen Kästen auf dem Rücken und kamen oft Jahrelang nicht heim. 
Obzwar Schmalhans oft Küchenmeister war, So haben sich die Reischdorfer doch ihren heiteren, lebensbejahenden Sinn bewahrt. Die Reischdorfer sind sehr bekannt, sie sind  ein derber Menschenschlag mit etwas rauher Schale, aber gut mutig und mitteilsam.
Ungeschickt angefaßt, kann sich der sonst gemütliche ReiSchdorfer als recht grob zeigen. Bekannte Reischdorfer Figuren waren früher: der Rußbutten, der Meerrettich-Mann, der verschrobene Köhler, der ",reelte" Torfhändler, der witzige Fuhrmann und der schlaue „Zwieblseff"- Heute Sind diese Typen nahezu ausgestorben.
Reischdorf hat eine sehr hübsche Umgebung- Der Kammweg Reischberg-Sandberg-Pöllmaer Höhe gehört zu den schönsten Höhenwegen unserer engeren Heimat. Eine wundervolle Aus- sicht bietet sich vom Reischberg, besonders gegen Abend, wenn die Sicht klar ist und die Schatten länger werden. Im Norden zeichnet sich der Haßberg am Horizont, während der Spitzberg als abgeschnittene Kuppe erscheint. Rechts davon erblicken wir den Bärenstein; es zeigt sich auch die Kuppe des Pöhlberges bei Annaberg. Im Südwesten hebt sich der unbewaldete Kupferbübel scharf ab; dahinter thronen der Keilberg und der Fichtelberg, die Wahrzeichen unseres Erzgebirges. Im Osten sehen wir natürlich gute Fernsicht vorausgesetzt - die Launer Berge, ja selbst den Georgsberg bei Raudnitz.im Süden das Silberband der Eger, Kaaden, die Saazer Ebene, das Duppauer Gebirge und Keile des Kaiserwaldes. Ganz in der Nähe fesselt uns der „Schweiger" bei Sonnenberg.
Emil Iser

Das Forum für die Heimatfreunde von Reischdorf, finden Sie unter der  Homepage von Gerd Renner.